Marc im Gespräch
Kannst du dich kurz vorstellen bitte?
Hi, ich bin Marc, 24 Jahre alt und bin vor fünf Jahren zum Studieren nach Aachen gezogen.
Dabei bin ich auch irgendwie bei der Jungen Selbsthilfe Aachen hängengeblieben, weil ich
dort einen casual Ort gefunden habe, an dem ehrlich über psychische Belastungen
gesprochen wird. Seit bald drei Jahren besuche ich eine Depressionsgruppe, übernehme
mittlerweile die Organisation dieser Gruppe und bin seit gut einem Jahr in der Projektleitung
engagiert.
Warum engagierst du dich bei der jungen Selbsthilfe?
Weil es mir hilft. Die regelmäßigen Gruppentreffen stellen für mich einen Anker dar, wo ich
so offen wie sonst kaum über meine Gedanken und Gefühle sprechen kann. Gerade in der
jungen Altersgruppe (18 bis 35 Jahre), die wir mit der Jungen Selbsthilfe ansprechen wollen,
fehlt es meiner Meinung nach an Angeboten für Austausch auf Augenhöhe zwischen
Gleichaltrigen. Deshalb ist es mir wichtig, dass es diesen Raum gibt, dass dieser weiter
bestehen bleibt und auch ausgeweitet wird.
Was hast du für dich dabei gelernt, was hat dir am meisten geholfen?
Ich bin dabei zu lernen, dass meine Gefühle valide sind und dass es auch andere Menschen
in meinem Alter gibt, denen es ähnlich geht wie mir - sogar ziemlich viele.
Ich lerne, dass ich nicht alles mit mir selbst ausmachen muss und dass ich auch über
schwierige Themen mit meinen Mitmenschen sprechen darf.
Und ich lerne, meine Grenzen und meine Kapazitäten besser wahrzunehmen und ernst zu nehmen.
Für mich ist die Kombination aus einem Therapieplatz und dem regelmäßigen Austausch in
der Gruppe sehr hilfreich. Beides ergänzt sich gut und gibt mir Stabilität.
Was kann ich tun, wenn in meinem Umfeld Menschen mit Angst, Depression zu tun haben?
Das Wichtigste ist: zuhören. Wirklich zuhören.
Ungefragte Lösungsvorschläge oder gutgemeintes Zureden können für Betroffene eher noch
eine zusätzliche Belastung darstellen und dazu führen, dass sie sich noch weiter
zurückziehen und verschließen. Das ist auch in unseren Gruppen eines der Kernprinzipien
bzw. von Selbsthilfe allgemein - ich berichte zu einem Thema von meinen Erfahrungen und
was mir dabei geholfen oder vielleicht auch nicht geholfen hat, biete also keine
Lösungsvorschläge an.
Das ist auch für Angehörige oft anstrengend oder nicht ganz einfach und das ist in Ordnung.
Helfen kann auch bedeuten, dass ich mich mit der anderen Person zusammen darum
kümmere, ein Hilfsangebot zu finden und wahrzunehmen. Mir ist dabei dieses 'zusammen'
sehr wichtig, also diese Aufgabe nicht einfach für die andere Person zu übernehmen. Das
kann so aussehen, gemeinsam bei mehreren Psychotherapeuten anzurufen oder Mails zu
schreiben und ein Erstgespräch anzufragen - genauso bei Psychiatern. Eine entsprechende
Liste gibt es auf der Internetseite der KVNO oder telefonisch bei der Patientenservicestelle -
tele. 116117.
In Bezug auf Selbsthilfe gibt es für unsere Städteregion auch von der Aachener Kontakt und
Informationsstelle Selbsthilfe (AKIS) im Internet eine Liste an über 300 Selbsthilfegruppen.
Auch unsere Gruppen der Jungen Selbsthilfe sind dort zu finden - aktuell zu den Themen
ADHS, Angst, Depression, Einsamkeit, Long Covid & ME/CFS und PTBS.
Wenn alles möglich wäre … was wäre dein größter Wunsch?
Ich würde die Zwei-Klassen-Medizin abschaffen. Ich wünsche mir ein neues, gemeinsames
Gesundheitssystem, welches die Gesundheitsversorgung unabhängig von finanziellen
Interessen organisiert und für alle bereitstellt. Die Behandlung und Versorgung von
Menschen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen darf nicht von Budgets
abhängen oder davon, ob - und wie sehr - sich eine Behandlung für Arztpraxen oder
Krankenhäuser „rechnet“.
Ich bin sehr für Entstigmatisierung - aber Entstigmatisierung ohne echte Versorgung ist
bestenfalls gut gemeint. Eine Gesellschaft kann nur offener mit psychischen Krisen
umgehen, wenn Menschen nicht monatelang auf Hilfe warten müssen. Entstigmatisierung ist
allerdings eher ein langer gesellschaftlicher Prozess, als etwas, das von heute auf morgen
geändert werden könnte.
Mein Wunsch ist eine Gesellschaft, in der psychische Krisen zum Leben dazugehören
dürfen. Und das geht nur, wenn ich offen über meine Probleme sprechen darf - ob nun mit
meinem Umfeld oder einem Arzt. Eine einheitliche und umfassende Gesundheitsversorgung
wäre für mich ein entscheidender Schritt dahin. Niemand sollte sich zwischen „weiter
funktionieren“ oder „ehrlich sein“ entscheiden müssen. Meine Depression gehört genauso
anerkannt und behandelt, wie das auch bei einem gebrochenen Arm der Fall wäre.
